Prof. Dr. Christian Herzig im Interview

Prof. Dr. Christian Herzig ist seit Januar 2014 Leiter des Fachgebiets „Management in der internationalen Ernährungswirtschaft“ am Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften der Universität Kassel am Standort Witzenhausen.

Hallo Herr Herzig, woran forschen Sie aktuell und was sind neueste Ergebnisse Ihrer Forschungsprojekte? 

Ich beschäftige mich intensiv mit den Bio-Pionieren der Lebensmittelbranche, die vor vier-fünf Jahrzehnten Produkte zum ersten Mal in Bio-Qualität angeboten haben. Hierzu gehören sowohl Entrepreneure, die als Quereinsteiger bzw. Kleinunternehmer im Nebenerwerb die Verarbeitung von ökologischen Rohwaren per Hand in der Garage begonnen haben und deren Unternehmen bzw. Marken heute eine enorme Bekanntheit besitzen. 

In anderen Fällen wurden traditionelle, familiengeführte Unternehmen durch die Pioniere schrittweise auf Bio umgestellt. Mein Forschungsinteresse ist zu verstehen, welche Ansätze der Unternehmensführung im Bereich Personal, Struktur, Strategie und Organisation ein jahrzehntelanges erfolgreiches Wirtschaften, das nicht - oder zumindest nicht ausschließlich - durch Gewinn und Wachstum geleitet war, möglich gemacht haben. In beiden Fällen spielt übrigens das Thema Betriebsnachfolge heute eine große Rolle – so untersuchen wir auch, wie Unternehmerinnen und Unternehmer versuchen, im Zuge der internen oder externen Unternehmensnachfolge die ökologisch-soziale Werteorientierung einer Unternehmung zu erhalten. 

Die Erkenntnisse, die wir diesbezüglich auch durch Interviews mit der heute nachrückenden Unternehmergeneration gewinnen konnten, betreffen z.B. die Organisation des Übergabeprozesses, die Kommunikation mit Mitarbeitenden und die gewählte Unternehmensform, insbesondere die Umwandlung von Betrieben in sogenannte Stiftungsunternehmen.

 

Sie waren Mentor für „Edgar“, den mobilen Schulgarten, ein EXIST-gefördertes Projekt von Studierenden der Uni Kassel. Das Team hat gartenpädagogische Dienstleistungen für Schulen angeboten. Verfolgen Sie das Projekt weiterhin?

Ja, und zwar mit sehr großer Freude. Das Gründungsprojekt war von Beginn an – und ist es auch heute noch - unglaublich vielfältig, kreativ und gesellschaftlich bedeutsam. Die grundlegende Idee ist, mit dem vom Gründungsteam entwickelten Gartenmobil „Edgar“, was für „Educational Gardening“ steht, gartenpädagogische Angebote in die schulische Bildung zu integrieren. Mit Hilfe eines mobilen Gewächshauses werden wöchentliche Vor-Ort-Lerneinheiten angeboten und Schulgärten genutzt bzw. wiederbelebt. Dabei werden auf innovative Weise Themen wie Klimawandel oder Biodiversität behandelt, die beim regelmäßigen Gärtnern z.B. auch in den letzten Trockenjahren erfahrbar und einprägsam werden. „Edgar“ wurde nach der Förderphase in einen gemeinnützigen Verein umgewandelt und ist auch heute noch – dank des unermüdlichen Engagements von Malte Bickel und vielen neuen Mitwirkenden – an Schulen im Werra-Meißner-Kreis aktiv.

 

Welche Rolle nimmt der Standort Witzenhausen aus Ihrer Sicht für die Entwicklung des Werra-Meißner-Kreises ein?

Der Standort Witzenhausen mit seiner Gründungsförderung spielt eine enorm große Rolle für die weitere Entwicklung des Werra-Meißner-Kreises. Unterstützt mit Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung wird ein Startup Hotspot aufgebaut, der der regionalen Vernetzung dient und vor wenigen Jahren durch den Unternehmerinnen und Unternehmer-Rat der Bioregion Werra-Meißner institutionalisiert wurde. Hierdurch wird der Austausch zwischen Gründerinnen und Gründern des Fachbereichs, lokalen Unternehmen der Bio-Branche sowie dem Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften gefördert und eine nachhaltige Entwicklung der Agrar- und Ernährungswirtschaft der Region unterstützt.

Sonja Biewer ist unsere Unikat-Gründungsstelle vor Ort. Sie ist für Gründerinnen und Gründer stets ansprechbar und hat z.B. jüngst den „Start-Up Acker“ ins Leben gerufen, der es Interessierten ermöglicht, auf bereitgestellten Ackerflächen in der Region Erfahrungen im Anbau und bei der Vermarktung von ökologisch erzeugten Feldfrüchten zu sammeln. Ihr Fachbereich gehört zu den gründungsstärksten der Universität Kassel. Gerade in den Ökologischen Agrarwissenschaften gab es seit jeher viele Gründungen, bei denen der sogenannte Impact eine zentrale Rolle einnimmt, also die ökologische oder soziale Wirkung ihrer Gründungsvorhaben. Ein Trend, der aus unserer Sicht in keiner Weise nachlässt - eher noch zunimmt. 

 

Sehen Sie das auch so und welchen Beitrag können Startups zur Lösung der großen Herausforderungen unserer Zeit, wie z.B. den Klimawandel, leisten? 

Das ist eine Beobachtung, die ich uneingeschränkt teile. Ich gehe auch davon aus, dass wir in Zukunft mehr und mehr Geschäftsmodelle sehen werden, die im Kern einen sozialökologischen Mehrwert haben und zur Lösung dringender gesellschaftlicher Problemstellungen beitragen. Ein schönes aktuelles Beispiel ist unsere lokale „Tofufaktur“, die regionale Bio-Sojabohnen zu Tofu verarbeitet und auf diese Weise den mit einer industriellen und globalen Produktion von Soja verbundenen Umweltproblemen ein nachhaltiges und aromatisches Alternativprodukt entgegenstellt – das man übrigens mittlerweile auf vielen Wochenmärkten und Bio-Märkten in der Region kaufen kann oder in Restaurants wie dem Renthof Kassel angeboten bekommt. Neben der Produktebene zeigen unsere empirischen Studien, dass von werteorientierten Startups gleichermaßen wichtige Impulse für eine ökologisch-soziale Transformation des Marktes ausgehen. So untersuchen wir in einem aktuellen Papier das strukturpolitische Handeln von Bio-Pionieren in den drei Arenen Markt – Öffentlichkeit – Politik und beschreiben die Ko-Evolution von Bio-Unternehmen und Bio-Markt.

Auch außerhalb Ihres Fachbereichs sind aus der Uni Kassel eine Reihe von Startups im Food- und Agrarbereich entstanden: SWARM-Protein hat Insektenriegel hergestellt, HydroNeo hat ein Smart-Farm-Management für die Fischzucht entwickelt.

 

In welchen Bereichen macht aus Ihrer Sicht eine interdisziplinäre Zusammenarbeit z.B. mit der Informatik, Architektur oder der Kunsthochschule besonders viel Sinn? Gibt es bereits Kooperationen mit anderen Fachbereichen, aus denen interessante Innovationen entstanden sind?

Der interdisziplinären Zusammenarbeit sind hier eigentlich keine Grenzen gesetzt. Wir haben schon die verschiedensten Konstellationen und Kooperationen beobachten können. Aktuell untersuchen wir im Transferprojekt „Innovationsnetzwerke Ressourceneffizienz“ - InRess, das auch mit Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung gefördert wird, die Entstehung von Innovationsnetzwerken und Kooperationen entlang von regionalen Wertschöpfungsketten.

Die auf die effiziente Ressourcennutzung in der Landwirtschaft und im Bauwesen ausgerichteten Netzwerke werden von Kollegen der Ökologischen Agrarwissenschaften, des Bauingenieur- und Umweltingenieurwesens bzw. des Centre for Environmental Systems Research mitentwickelt und koordiniert. Erste spannende Unternehmensgründungen sind auch hier erfolgt.

 

Website des Fachgebiets „Management in der internationalen Ernährungswirtschaft“

Weitere, genannte Projekte:

www.inressbau.org
www.tofufaktur.de/
www.edgar-gartenmobil.de

 

 

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